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Ein Anruf zu wenig, oder wie die Migros-Ente watscheln lernte

18. Dezember 2008 · 5 Kommentare

Abschreiben ist einfacher als Recherchieren; geht schneller und man spart Telefonkosten. Ein Musterbeispiel für die beliebte Praxis liefert heute die Meldung, wonach Migros die Anzahl seiner Eigenmarken drastisch reduzieren wolle, was einem radikalen Strategiewechsel des grössten Einzelhandelsunternehmens der Schweiz gleichkommen würde. Schliesslich basiert der Geschäftserfolg des orangen Riesen massgeblich auf seinen Eigenmarken wie Aproz, Midor oder Chocolat Frey.

Ausgangspunkt der brisanten Nachricht war ein Interview mit Migros-Präsident Claude Hauser, das gestern das westschweizer Magazin L’Illustré veröffentlicht hat. Darin sagt Hauser unter anderem:

Hauser: Le temps est venu de nous recentrer.

Illustré: En supprimant certaines de ces marques?

Hauser: Exactement. Leur surabondance nous coûte trop cher en publicité.(..)

Illustré: Savez-vous déjà combien de marques vous allez conserver?

Hauser: Probablement quelques dizaines sur les 250.

Wer das liest, kann tatsächlich den Eindruck gewinnen, Hauser verkünde da eine radikale Reduktion der Migros-Eigenmarken. Doch offensichtlich sprechen der Migros-Präsident und der Journalist aneinander vorbei: Während Hauser  die Reduktion des Werbebudgets für die Eigenmarken ankündigt, geht der Journalist von der Reduktion der Eigenmarken als solche aus. Bei der Autorisierung des Interviews hat Hauser offenbar nicht beachtet, welchen Eindruck seine zweideutigen Aussagen beim Publikum (und der abschreibenden Zunft) erwecken werden. Und so kam es, wie es kommen musste.

Die Schweizerische Depeschenagentur SDA hat die vermeintlich brisante Aussage des Migros-Präsidenten gestern Abend aufgenommen und als Meldung über den Ticker rattern lassen. Rücksprache mit der Migros hat die Nachrichtenagentur nicht genommen, erklärt Unternehmenssprecher Urs Peter Naef auf Anfrage. «Eigentlich sonderbar, bei einer solch brisanten Meldung», so Naef. Hätte die SDA dies getan, das Missverständnis wäre schnell geklärt – die Medien aber heute Morgen um eine knallige Schlagzeile ärmer gewesen.

Da die Redaktionen den Inhalt von Agenturmeldungen meist für bare Münze nehmen, watschelte die Migros-Ente munter durch Äther, Internet und Druckmaschinen. «Kahlschlag bei Eigenmarken», titelte zum Beispiel tagesanzeiger.ch und seine Klone in Basel und Bern. Auch der Tages-Anzeiger berichtet in einer Kurzmeldung darüber, sich auf SDA und seine Online-Schwester berufend.

Aufklärung brachte dann DRS4News, der Nonstop-Nachrichtensender von Radio DRS. Migros-Sprecher Naef sagte dort in einem längeren Gespräch: «Da handelt es sich um eine Falschmeldung.» Das hielt jedoch denselben Sender nicht davon ab, um 11.30 Uhr in den Nachrichten noch einmal ebendiese Falschmeldung zu wiederholen.

Bereits zuvor hatte sich Naef via Kommentar auf tagesanzeiger.ch direkt an das Publikum gewandt und festgehalten:

Wir können alle Migros-Kundinnen und -Kunden beruhigen: Die Stärke der Migros sind ihre Eigenmarken und die werden NICHT verschwinden! Lediglich in der WERBUNG werden wir nicht mehr alle Migros-Eigenmarken bewerben sondern nur noch die12 - 14 bestens am Markt etablierten. Urs Peter Naef, Mediensprecher MGB

Trotz dieser Richtigstellung empören sich Leserinnen und Leser weiterhin über den angeblichen «Kahlschlag» bei den Migros-Eigenmarken.

Inzwischen haben auch die Redaktionen reagiert und den Sachverhalt korrekt dargestellt. Doch im Netz bleibt die Falschmeldung dutzendfach hängen. Denn trotz der Richtigstellung lassen die Online-Redaktionen die ursprüngliche Falschmeldung stehen. Auf Klickmagneten verzichtet man nur ungern, egal ob deren Inhalt stimmt oder nicht.

Tags: Pech und Pleiten · Sprache und Schreibe

5 Antworten bis jetzt ↓

  • 1 6 vor 9: Sperrfristen, Stornierungen, Enten » medienlese.com // Dez 19, 2008 at 8:55 am

    [...] 5. “Wie die Migros-Ente watscheln lernte” (bernergazette.ch, Nick Lüthi) “Abschreiben ist einfacher als Recherchieren; geht schneller und man spart Telefonkosten.” [...]

  • 2 Hardy Jäggi // Dez 19, 2008 at 11:22 am

    Interviews werden in der Regel immer vom Interviewgeber - im vorliegenden Fall von der Pressestelle der Migros - gegengelesen und freigegeben.

    Aus diesem Grunde ruft die SDA vor Übernahme eines Interviews nicht beim Interviewgeber an um sich die Richtigkeit sämtlicher Aussagen bestätigen zu lassen.

    Wenn nun also der Migros-Präsident zweideutige Aussagen macht und das beim Gegenlesen nicht bemerkt und korrigiert wird, so liegt der Fehler sicherlich nicht bei der Agentur, wenn sie die Aussage übernimmt.

  • 3 Nick Lüthi // Dez 19, 2008 at 11:26 am

    Das sehe ich nicht so. Denn was der Migros-Präsident hier – vermeintlich – ankündigte, wäre einem radikalen Strategiewechsel des orangen Riesen gleichgekommen. Da empfiehlt es sich in jedem Fall nachzufragen, ob dem tatsächlich so sei. Sicher ist sicher. Nach dem Motto: Lieber ein Anruf zuviel als einer zu wenig.

  • 4 mds // Dez 19, 2008 at 11:44 am

    Interviews werden in der Schweiz immer noch autorisiert? Das erklärt, wieso es kaum je relevante Fragen/Antworten an die Öffentlichkeit schaffen … und was die Migros-Eigenmarken betrifft: Tatsache ist, dass die Migros Eigenmarken konsolidiert, teilweise auch durch Markenprodukte ersetzt, zu höheren Preisen. Gut möglich, dass der Migros-Zensor am Pinkeln war und die SDA eben doch die richtigen Schlüsse zog.

  • 5 Philippe // Dez 19, 2008 at 2:01 pm

    Ich habs schon immer gesagt: Der Copy-paste-Journalismus feiert Urständ. Und: Die meisten Journalisten sind bequem.