unabhängig und trivial

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Löblich, aber leider nicht mehr.

12. Dezember 2008 · Keine Kommentare

Heute wird in Bern ein Komitte «Rettet den Bund» an die Öffentlichkeit treten. Personen des öffentlichen Lebens, darunter «Züri West»-Frontmann Kuno Lauener, Medienprofessor Roger Blum, sowie Parteiprominenz aus SP, SVP und BDP wollen sich für den «Bund» einsetzen. Konkreteres liess sich auf der Webseite des Komitees nicht in Erfahrung bringen. [mehr dazu nach dem ersten Auftritt des Komitees].

Bern ist erwacht. Endlich, möchte man aufatmen. Aber leider zu spät. Die Würfel sind gefallen. Der Protest dagegen ist löblich, wird aber wohl wenig ändern an der Situation. Es sei denn, jemand bringt 3,5 bis 5 Millionen Franken pro Jahr auf. Oder es finden sich 10-15′000 Neuabonnenten. Das muss ein frommer Wunsch bleiben, denn das Potential ist ausgeschöpft. In Bern hat es nach gängiger Rechenart eines modernen Medienunternehmens höchstens Platz für eineinhalb Zeitungen. Und demnächst vielleicht nur noch für eine.

Tamedia hat am 1. Dezember bekanntgegeben, die kleinere ihrer beiden Berner Tageszeitungen habe ohne redaktionelle Zusammenarbeit keine wirtschaftliche Zukunft mehr. Was heisst: Der «Bund» muss massiv Federn lassen, und das mit einer Redaktion, die schon heute nur noch Dreiviertel des Blattes im Alleingang bestreiten kann; der Sport, ein Opfer früherer Sparmassnahmen, liefert bereits die grosse Schwester BZ. Konkret geht es nun darum, die verbleibenden Journalistinnen und Redaktoren entweder in den Tages-Anzeiger oder die Berner Zeitung zu integrieren. Bei der ersten Lösung gäbe es weiterhin zwei Zeitungen in Bern, im zweiten Fall aber bliebe nur noch eine, wie auch immer geartete, neue BZ mit einverleibtem «Bund»-Rest.

Protest wird es schwer haben, weil es hier nicht um den «Bund» alleine geht. Der Traditionstitel ist nur ein Rädchen im ganzen Getriebe der fünf Tamedia-Tageszeitungen, wovon alle zusammen neu aufgestellt werden. In diesem Mecano hat der «Bund» schlechte Karten. Wirtschaftlich erfolglos seit Jahren, publizistisch nur noch ein Schatten dessen, was die Zeitung einst hätte sein sollen (die «Washington Post» der Schweiz neben der «New York Times» alias NZZ). Wirtschaftlich immer nur knapp über Wasser trudelt die Zeitung seit mehr als zehn Jahren von Sparübung zu Sparübung. Was die arg dezimierte Belegschaft noch liefert, beeindruckt zwar, vermag aber auch nicht über die sparbedingten Mängel hinwegzutäuschen.

Eine hausgemachtes Dilemma des «Bund» ist seine politisch-publizistische Ausrichtung, die in den letzten Jahren wieder stärker in Richtung mitte-rechts gerückt ist, vor allem im Lokalteil. Zumindest nehmen linke Leser dies in «ihrer» Zeitung so wahr. Sie lesen den «Bund» nunmehr vor allem deshalb, weil für sie die BZ mit ihrem deklarierten Rechtskurs* ein No-Go ist. Neben der BZ hätte es im traditionell rot-grünen Bern durchaus Platz für eine Berichterstattung, die auf die andere politische Seite lehnt. Für solche Kurskorrekturen ist es aber nun wohl zu spät. Ebenso werden moralische Appelle bald ungehört verhallen. Tamedia beherrscht das Geschäft mit Zeitungen und Zahlen zu gut, als dass sie sich von Protest beirren liesse.

Deshalb sollte jetzt die Suche nach Alternativen losgehen zur Monopolzeitung , die auf dem Platz Bern mit grosser Wahrscheinlichkeit kommen wird. Vor allem auf diese Frage wünsche ich mir von diesem Komitee Antworten. Den «Bund» retten zu wollen, verdient jede Unterstützung, das ist klar. Doch die Signale stehen– für alljene, die sie sehen wollen – auf Untergang. Deshalb müssen wir den Blick nach vorne richten. Ein Spendenkonto hat das Komitee eingerichtet und die 50 Millionen Dollar, die Barack Obama im Wahlkampf mehrheitlich online gesammelt hat, zum Vorbild erklärt. Geld macht vieles möglich. Und heute muss eine neue Zeitung nicht mehr zuerst eine Druckerei bauen. Es gibt andere Wege.

P.S. Was geschieht eigentlich mit den Rechten an der Marke «Der Bund», wenn die Zeitung eingestellt wird?

*BZ-Chefredaktor Michael Hug: «Wir versuchten uns aus dem linksliberalen Mainstream herauszubewegen, indem wir uns gegen rechts öffneten.»

Tags: Macht und Elend · Papier und Pixel